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17ter Europäischer Kongress der Perinatalmedizin - Porto, Portugal

"Mehrlingsschwangerschaften"

Hugo Verhoeven, MD
, OBGYN.net
redaktioneller Berater interviewt doctor Elizabeth Bryan, Kinderärztin und Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Zwillingsforschung.

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*benötigt RealPlayer - freies download

Dr. Hugo Verhoeven: Ich bin Hugo Verhoeven vom Zentrum für Reproduktionsmedizin in Düsseldorf. Ich bin Mitherausgeber von OBGYN.NET und berichte vom Europäischen Kongress für Perinatalmedizin in Porto. Es ist mir eine große Ehre, heute mit Elizabeth Bryan sprechen zu können, einer Kinderärztin und Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Zwillingsforschung. Diese Gesellschaft ist eine internationale, unpolitische, multidisziplinäre, wissenschaftliche Organisation mit dem Ziel der Forschungsförderung und Aufklärung auf allen Gebieten welche sich mit Zwillingen beschäftigen.

Elizabeth, wir kennen uns noch nicht lange, aber lang genug, um sicher zu sein, in Ihnen den richtigen Interview Partner gefunden zu haben. Ich glaube, dass Sie auf diesem Gebiet eine wichtige Meinungsbildnerin sind. Ich habe gestern Ihren Vortrag gehört. Wir wissen alle dass Mehrlingsschwangerschaften weltweit zunehmen, wir wissen auch, dass einer der Hauptgründe dafür die neuen Techniken der künstlichen Befruchtung sind. Wie hier auf dem Kongress schon angesprochen, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir die Reproduktionsmediziner dazu bringen müssen, mehr Verantwortung für die Phase nach ihrer Behandlung zu übernehmen. Wir haben den Eindruck, dass viele Reproduktionsmediziner sagen: "hier ist die Schwangerschaft, das wär´s" und die Probleme dann an die Geburtshelfer und Neonatologen weiterreichen. Und wir haben gehört, dass es erhebliche Probleme sind. In Ihrem gestrigen, sehr wichtigen, Vortrag sprachen Sie über einige Probleme, die sicherlich für unsere Leser und Zuhörer von grossem Interesse sind. Würden Sie das bitte für OBGYN.NET´s Zuhörer wiederholen?

Dr. Elizabeth Bryan:  “Ich glaube es ist wichtig, daran zu denken, wie schwierig es für ein infertiles Paar ist, sich darüber klarzuwerden, was drei oder mehr Babies bedeuten. Ich glaube, es ist nicht nur sehr schwer für sie, sich die Schwangerschaft und die Neugeborenenperiode vorzustellen, sondern auch das Leben danach, für sie als Familie und für die Kinder. Wir wissen, dass Drillingsschwangerschaften mit vermehrten Komplikationen belastet sind, die Babies sind oft sehr unreif. Wir wissen auch, dass Frühgeborene und kleine Babies viel öfter langfristige Komplikationen bekommen, wie zum Beispiel hypoxische Hirnschäden, und dass die Wahrscheinlichkeit in der Neugeborenenperiode zu sterben viel grösser ist. Was vielen Eltern nicht klar ist, ist, dass auch wenn sie drei gesunde Kinder bekommen, diese Kinder im späteren Leben Schwierigkeiten haben können, welche sie nicht haben würden, wenn sie als Einlinge geboren worden wären.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Das ist eine sehr wichtige Aussage.”

Dr. Elizabeth Bryan: “Viele Kinder finden es sehr schwierig, ein Drilling zu sein. Sie haben eher Probleme in der Kommunikations- und Sprachentwicklung, sie haben Problem mit der Mutterbindung und müssen sich diese dann auch noch mit zwei gleichaltrigen Geschwistern teilen. Das ist sehr schwierig und dieser Wettbewerb kann sehr intensiv oder sogar aggressiv werden. Hin und wieder wird ein Kind völlig ausgegrenzt, was nicht nur das Kind unglücklich macht, sondern auch die Entwicklung verzögern kann, da es nicht die Zuwendung und Stimulation bekommt, die ein normales Einzelkind bekommen hätte.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Sie haben gestern auch gesagt, dass während der Schwangerschaft seelische Konflikte auftreten können. Manchmal denkt die Mutter, man müsse etwas mit dem einen Baby machen, was dann allerdings Konsequenzen für das andere hat. Könnten Sie dazu etwas mehr sagen?”

Dr. Elizabeth Bryan: “Ich glaube, dass das ein Dilemma ist, mit dem jedes Paar konfrontiert wird, wenn es herausfindet, dass es drei oder mehr Babies haben wird, ist. die Frage ist, ob man die Schwangerschaft austragen soll, oder ob man nicht sogar die Feten bis auf zwei reduzieren sollte. Das ist besonders schwierig für eine Muter von Drillingen, besonders aus medizinischer Sicht, da wir eine Erwartungshaltung der modernen Geburtshilfe und Neonatologie haben und erwarten, dass gesunde Kinder auf die Welt kommen. Dies ist aber nicht immer der Fall. Ich glaube daher, dass es für die Eltern sehr schwierig ist, da sie neben den medizinischen auch noch gesellschaftliche und psychosoziale Aspekte berücksichtigen müssen. Ich habe mit vielen Paaren während der Entscheidungsfindung gesprochen, und sie in der Entscheidungsfindung unterstützt ob sie sich nun für eine Reduktion der Feten oder das Austragen der Drillings- oder sogar Vierlingsschwangerschaft entschieden haben. Eines der Hauptprobleme ist, dass die beiden Eltern oft unterschiedlicher Meinung sind und diese, sehr schwierige, Entscheidung, für die es kein "richtig oder falsch" und kein "schwarz oder weiß" gibt, kann zu sehr ernsten Problemen für das Paar führen. Was immer Sie tun, das Ergebnis muß nicht immer glücklich sein. Es kann auch gar nicht ideal sein, weil auch wenn Sie dann schließlich zwei gesunde Babies haben, aber permanent trauern, weil sie ein oder zwei Babies ihren zwei gesunden Babies opfern mussten.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Und die Überlebenden? Darüber haben sie sicher auch mit den Eltern gesprochen. Sagen Sie ihnen, dass es besser wäre, ihren Kindern zu sagen, dass sie zwei Geschwister hatten, die geopfert werden mussten, und was ist deren Reaktion?”

Dr. Elizabeth Bryan: “Das fragen mich fast alle Paare: "Sagen wir es unseren Kindern, und wenn ja, was sagen wir ihnen?" Zur Zeit haben wir keine Antwort darauf, weil die betreffenden Kinder noch zu jung sind. Ich habe viele Paare kennengelernt, die es ihren Kindern nicht sagen wollen, aber wenn man es den Kinder nicht sagen will, dann darf man es niemandem sagen, normalerweise kommen solche Geheimnisse doch irgentwann heraus. An sich sind Geheimnisse in einer Familie nicht gut, und meine eigene Meinung ist daher, es ihnen zu sagen. Aber ich habe keine Beweise, dass das der richtige Rat ist, und, wie schon gesagt, wie man es den Kindern erklärt, ist sehr schwer zu sagen. Wir wissen es einfach noch nicht. Sie können wütend werden, sich schuldig fühlen, dass sie überlebten, oder sie können auch einfach nur dankbar sein. Es ist sehr schwer zu sagen, wie sie reagieren werden. Ich finde, man sollte den Kindern ehrlich sagen, dass die Eltern diese Entscheidung für die Kinder getroffen haben und dass es die richtige, aber eine sehr schwere Entscheidung war.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Wir haben in unserem Fach das gleiche Problem, sollen wir den Kindern sagen, dass sie aufgrund künstlicher Befruchtung existieren, oder nach einer Eispende? Das ist das selbe Problem. Sollen wir es den Kindern sagen, ja oder nein, natürlich finden sie es hin und wieder heraus. Natürlich ist es ein anderer emotionaler Aspekt.  Ich würde gerne, wenn möglich, zur Morbidität der Mehrlingsschwangerschaft zurückkehren. Sie als Kinderärztin kennen natürlich frühgeborene Zwillinge und Drillinge. Können Sie uns etwas mehr über die häufigen Probleme sagen, die Sie mit den Babies und den Eltern haben.”

Dr. Elizabeth Bryan: “Ich glaube, dass die Hauptprobleme der Frühgeborenen und kleinen Babies vor allem dann entstehen, wenn sie über viele Wochen in unserer Frühgeborenenintensivstation bleiben müssen. Alle Mütter, ob sie ein oder mehrere Babies haben, finden diese Zeit sehr stressig. Die Väter auch. Aber mit Mehrlingen ist das noch mehr Stress, da es schwierig ist, eine Beziehung zu mehreren Babies gleichzeitig aufzubauen. Wir wissen aus Studien, dass Mütter von Einlingen auf der Intensivstation es schwierig finden, eine Beziehung zu nur einem Baby aufzubauen. Aber mit zwei oder drei Babies ist das noch viel schwerer. Das ist doppelt schwierig, wenn eines der Babies kränker ist als das andere und die Mutter dann vielleicht diesem Kind mehr Zuwendung gibt. Es ist sehr schwer, wenn eines der Babies stirbt, die Mutter muss trauern und viele Mütter haben mir gesagt, wie schwer es ist, um ein Kind zu trauern und das Leben das anderen zu feiern. Das ist of ein Problem über viele Jahre.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Sie sagen, dass viele Eltern die künstliche Befruchtung wünschen, und viele Ärzte, die das machen, keine Ahnung von den nachfolgenden Problemen haben, ich glaube, dass die Ursache dafür ein Informationsmangel ist. Daher glaube ich, dass es sehr wichtig ist, noch einmal zu betonen, dass Sie die Präsidentin einer Gesellschaft sind, die nicht nur in der Forschung tätig ist, sondern auch versucht, die Patienten zu informieren und ihnen Broschüren und Informationsmaterial zu geben, damit die Patienten auch wissen worum es geht, und die Risiken kennenlernen. Vielleicht sollten Sie uns erklären, wie Sie auf diese Idee gekommen sind und wie Ihre Gesellschaft funktioniert.”

Dr. Elizabeth Bryan: “Zuerst möchte ich sagen, dass ich in den letzten 12 Jahren hauptsächlich für die "Mehrlings Stiftung" in London tätig war, deren Hauptziel es ist, diejenigen auszubilden, die diese Familien behandeln und zwar im Idealfall schon vor der Behandlung zur künstlichen Befruchtung. Wir haben Leitlinien (für Arzte,Anmerkung der Redaktion) herausgegeben und Handzettel, die nicht nur den Ärzten, sondern auch den Eltern vor Beginn der Stimulation zur Verfügung stehen, aber auch für später, wenn sie die Eltern von Mehrlingen geworden sind, bieten wir Informationsmaterial an. Wir bieten auch einen telefonischen Beratungsdienst für Paare vor dem Beginn der Stimulation an. Wir erklären den Patientinnen wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist Zwilling oder Drillinge zu bekommen uns was es für die Familie bedeutet. Es hilft Ihnen nichts zu wissen, dass eine 20% Chancebesteht, Zwillinge zu bekommen, Sie wollen wissen, was es bedeutet, Zwillinge zu bekommen. Mit der Internationalen Gesellschaft für Zwillingsforschung wollen wir dasselbe machen und sind daher sehr daran interessiert, dass Reproduktionsmediziner der Gesellschaft beitreten, da wir wissen, dass viele von ihnen sehr Veratwortungsbewusst sind, und sie sehr versuchen, die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften zu reduzieren. Wenn sie beitreten, dann gewinnen wir viel mehr Gewicht und können Bewusstsein verändern, weil die Reproduktionsmediziner viel Freude durch viele gesunde Babies bereiten, aber auch viele Probleme durch die vielen Mehrlingsschwangerschaften. Die meisten von diesen hätten vermieden werden können, und ich glaube das ist es worauf wir alle hinarbeiten müssen.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Meine letzte Frage ist immer dieselbe: Was erwarten Sie in der Zukunft, was sind Ihre Träume als Kinderärztin und als Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Zwillingsforschung?”

Dr. Elizabeth Bryan: Mein Traum wäre, dass alle infertilen Paare ein gesundes Baby haben könnten und dass sie nicht vor die Probleme gestellt werden, die durch Mehrlingsschwangerschaften unweigerlich auftreten. Natürlich werden einige Paare Zwillinge haben, für diese Paare wünsche ich mir, dass alle an der Behandlung Beteiligten auf Schwierigkeiten vorbereitet sind, damit diese Familien unterstützt und informiert werden können, weil dadurch viele Probleme vermieden werden können.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Haben Sie praktische Ratschläge?”

Dr. Elizabeth Bryan: “Für die Eltern?”

Dr. Hugo Verhoeven: “Für Eltern und Ärzte.”

Dr. Elizabeth Bryan: “ Für Ärzte ist das Beste, was Sie machen können, potenzielle oder erwartende Eltern mit Paaren in Verbindung zu bringen, die diese Erfahrung schon gemacht haben. Wir müssen ein Netzwerk für Eltern von Zwillingen und Drillingen schaffen. Wir versuchen in der Internationalen Gesellschaft für Zwillingsstudien ein Netzwerk für Betroffene zu schaffen, um nicht nur mit den Wissenschaftlern und Klinikern zusammenarbeiten, sondern auch mit den Eltern selbst.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Was Sie sagen ist sehr interessant, weil wir den Eindruck haben, dass das Zusammenbringen von unerfahrenen Patienten mit anderen welche schon die Erfahrung mit Eizellspende oder Insemination haben, nicht so einfach ist, Die Patienten wollen nicht über die Vergangenheit sprechen und es überrascht mich daher, dass Sie das für so wichtig halten.”

Dr. Elizabeth Bryan: “Mit Zwillingen und Drillingen ist das etwas völlig anderes, weil Sie auf der einen Seite sehr stolz auf Ihre Mehrlinge sind, auf der anderen Seite allerdings unter grossem Druck stehen. Viele Eltern finden es schwierig, gegenüber anderen zuzugeben, dass es für sie schwierig ist, weil sie auf ihre Kinder stolz sein wollen. Auf der anderen Seite brauchen sie allerdings Unterstützung, sie können einander unterstützen und ehrlich zueinander sein.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Meine letzte Bemerkung: "wenn ich infertile Patienten berate, ziehe ich meistens einen Endokrinologen hinzu, oft den Leiter des endokrinologischen Labors, oder einen Genetiker. Meinen Sie, dass ich auch einen Neonatologen dazubitten sollte?”

Dr. Elizabeth Bryan: “Absolut.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Das gehört dazu.”

Dr. Elizabeth Bryan: “Vielleicht nicht unbedingt einen Neonatologen, aber sicherlich einen Kinderarzt, jemanden der die Kinder durch die Kindheit begleitet. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Ein Neonatologe ist auch sehr gut, aber ich halte den Kinderarzt, der über viele Jahre mit der Familie zusammenarbeiten wird für wichtig.”

Dr. Hugo Verhoeven: “Elizabeth, vielen Dank für dieses Gespräch.”