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17ter Europäischer Kongress der Perinatalmedizin - Porto, Portugal

"Mehrlingsschwangerschaften"

Hugo Verhoeven, MD
, OBGYN.net
redaktioneller Berater interviewt Professor Manuel Carrapato von der Universität Porto. Professor Carrapato ist der Präsident der Europäischen Vereinigung für Perinatalmedizin und der Vorsitzende des Kongresseshier in Porto, des Europäischen Kongresses für Perinatalmedizin.

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Dr. Hugo Verhoeven: Ich bin Hugo Verhoeven vom Zentrum für Reproduktionsmedizin in Düsseldorf. Es ist mir eine große Ehre, heute mit Professor Manuel Carrapato von der Universität Porto sprechen zu können. Professor Carrapato ist der Präsident der Europäischen Vereinigung für Perinatalmedizin und der Vorsitzende des Kongresses hier in Porto, des Europäischen Kongresses für Perinatalmedizin. Professor Carrapato, vielen Dank, daß Sie als Präsident der Europäischen Vereinigung uns dieses Interview geben. Wie Sie wissen, bin ich Mitherausgeber von OBGYN.NET, insbesonders für den Bereich Reproduktionsmedizin, und ich weiß, daß die meisten Zuhörer sich für die Ergebnisse an Schwangerschaftsraten der Reproduktionsmediziner interessieren. Ich glaube, daß die Probleme, die wir Reproduktionsmediziner produzieren, zum Konzeptionszeitpunkt nicht unser Problem sind, sondern zuerst das der Geburtshelfer und dann Ihres und Ihrer Kollegen. Sie müssen die Verantwortung für den eventuellen Mangel an Verantwortungsbewußtsein der Reproduktionsmediziner übernehmen. Wie denken Sie über dieses Thema, insbesondere was kann mit Mehrlingen nach in-vitro Fertilisation schiefgehen? 

Professor Manuel Carrapato: In der Tat, man muss wirklich sagen, daß wir heute über die Technologie für verschiedene Verfahren in der Assistierten Reproduktion verfügen. Die Frage ist tatsächlich, klären wir diese Paare richtig auf, bevor wir mit dem letztlich gewünschten Verfahren beginnen? Oft kommt die Aufklärung spät, nachdem das Verfahren bereits begonnen hat. Das war die erste Frage, und die zweite... 

Dr. Hugo Verhoeven: Sie meinen, daß die Reproduktionsmediziner nur mit ihren Patienten darüber sprechen was sie tun, aber nicht über die Konsequenzen?

Professor Manuel Carrapato: Genau, hin und wieder kommt die Aufklärung zu spät, weil die Reproduktion bereits stattgefunden hat. Das ist die erste Frage. Und die zweite ist nicht so sehr welches Verfahren im Krankenhaus verwendet wird, sondern der weit verbreite Ge- und Missbrauch von Ovulationstimulatoren, die freizügig auch von Allgemeinmedizinern verodnet werden können, ohne über die Folgen nachzudenken. Ob es angemessen oder ratsam ist, so viele Eizellen einzupflanzen, ist ein anderes Problem. Auch wenn die Fehlerrate hoch ist, finde ich, man sollte nur zwei oder drei einpflanzen. Auf der anderen Seite habe ich mit einigen Eltern über fetale Reduktion gesprochen und sie sind sehr zurückhaltend, wenn vier oder fünf eingepflanzt wurden, diese wieder zu reduzieren. Es ist ein Dilemma, weil sie es nicht genau wissen und sich sehr große Sorgen machen, welchen Fetus sie terminieren werden. Das ist für die Eltern ein großes Problem.

Dr. Hugo Verhoeven: Was genau ist Fetale Reduktion und was verstehen wir darunter? Beenden Sie das Leben eines der Mehrlinge?

Professor Manuel Carrapato: Das ist richtig aber sie verstehen das nicht, und sind sehr zurückhaltend, Fetale Reduktion nur auf Grund der Zahl von zu diesem Zeitpunkt völlig gesunden Feten durchzuführen. Für uns Neonatologen ist ein weiteres, großes und unvermeidliches Problem, allerdings mehr eine Frage der Planung, daß wir nach mehrmonatiger Betreuung der Schwangerschaft, hin und wieder nicht genug Intensivbetten für die drei oder vier Babies zur Verfügung haben. Es ist nicht ungewöhnlich, daß Babies in verschiedene Abteilungen verlegt werden müssen, Das beutet, daß sie zwei Babies in der einen Abteilung und das dritte oder vierte Baby an einem anderen Ort haben, mit allen Konsequenzen für die Eltern. Natürlich ist es schwierig, in einer Neonatologischen Intensivtation vier Betten freizuhalten, aber es ist ein wirkliches Problem, zumindestens in meinem Land.

Dr. Hugo Verhoeven: Lassen Sie uns noch etwas über die Kosten sprechen. In vielen Ländern, auch wenn die eigentliche In-Vitro Fertilisierung durch die Eltern bezahlt werden sollte, die Ergebnisse, oder die Erfolge dieser Behandlung, die Babies, die auch behindert sein können, müssen von der Gemeinschaft bezahlt werden. Es geht hier um enorme Beträge, die auf die Sozialsysteme der Länder zukommen, wenn wir weiterhin auf eine explosionsartge Vermehrung der Mehrlingsgeburten hinarbeiten. Stimmen Sie dem zu?

Professor Manuel Carrapato: Absolut, und obwohl, wie Sie sagen, die Kosten der eigentlichen Behandlung oft privat bezahlt werden, in einigen Ländern muß der Steuerzahler für die Auswirkungen, die Betreuung dieser kleinen, frühgeborenen Babies aufkommen, ob sie überleben oder nicht. Und wenn sie überleben, gelegentlich mit schwersten Behinderungen, insbesondere bei Vierlingen, wie wir alle wissen. Wir Ärzte sollten uns auch Gedanken über die Finanzplanung machen, weil dies ein großes, großes Problem ist. Wir verstehen die Notwendigkeit dieser Technologie, wir stellen sie nicht in Frage, was wir allerdings hinterfragen ist die Art und Weise wie sie angewendet werden. Sehr oft stellen wir fest, daß es ein großes Problem ist, nicht die Techniken selbst, aber die Kontrolle der Anwendung.

Dr. Hugo Verhoeven: Wer, meinen Sie, soll das kontrollieren? Die Regierung, die Ärztlichen Vereinigungen, zum Beispiel Ethikkommissionen, oder sollte das dem jeweiligen Reproduktionsmediziner überlassen werden.

Professor Manuel Carrapato: Ich würde nicht gerne sehen, das dies per Gesetz geregelt wird, ich meine, wir als Individuen und als Ärzteorganisationen sollten unsere eigene Praxis regulieren. Ich halte dies sogar für sehr wichtig. Ob das nun eine Ethikkommission oder eine etablierte Gesellschaft macht, ist unwichtig, aber es sollte unbedingt durch die Ärzteschaft selbst geregelt werden.

Dr. Hugo Verhoeven: Ich denke aber, dass viele Ärzte die Risiken ihrer Behandlung aus finanziellen Gründen ignorieren. Sie sagen, wenn meine Schwangerschaftsraten zurückgehen, geht meine Reputation zurück, ich habe weniger Patienten, weniger Einkommen und ich habe ja Personalkosten. Ich halte das also auch für sehr wichtig.

Professor Manuel Carrapato: Das kann sein, sollte aber nicht sein. Es ist eine Frage der Ausbildung, eine Frage der Differenzierung, und sicherlich eine Frage der Erkennung und Regulierung durch die ärztlichen Standesorganisationen. Wir sollten das selbst regulieren, sonst entwickeln sich unbewegliche Strukturen, die man ja immer wieder umgehen kann. Wir sollten unseren Beruf selbst regulieren.

Dr. Hugo Verhoeven: Ich glaube, dass das ein schöner Traum ist, aber nur eine Meinung von vielen. Ich stimme Ihnen zu, aber es wird schwierig sein, das durchzusetzen. Was ich für sehr wchtig halte und sicherlich auch unsere Zuhörerer interessieren wird, ist die Frage, was die Risiken für die Babies sind, und was die Eltern erwarten können, wenn sie Mehrlinge bekommen. Wahrscheinlich kommen die Babies früher als erwartet und werden daher prematur sein. Können Sie uns bitte etwas über die Risiken für Kinder und Eltern sagen?

Professor Manuel Carrapato: Erwartungsgemäß wird das Baby zu früh geboren werden, mit geringem Geburtsgewicht und Retardierung und von daher mit allen Komplikationen der Frühgeburt und des geringen Geburtsgewichts. Am Ende überlebt es dann noch nicht einmal, oder wenn doch, dann mit erheblichen Behinderungen, geistig, psycho-motorisch, visuell, Gehör, Lernschwierigkeiten. Wir sprechen über das gesamte Spektrum der sehr kleinen Frühgeborenen. Die Konsequenzen für das Kind, die Familie und die Gesellschaft sind enorm und wir sollten alle darüber nachdenken.

Dr. Hugo Verhoeven: Haben Sie Zahlen zur Inzidenz? Zum Beispiel, wie hoch ist die Warscheinlichkeit für einen in der 32ten Woche geborenen Drilling schwere Behinderungen zu bekommen?

Professor Manuel Carrapato: Drillinge in der 32ten Woche sind nicht das Problem. Worüber wir wirklich sprechen sind Drillinge oder mehr, die vor der 30ten Woche geboren werden. Je früher, desto größer die Probleme und das ist eigentlich die Gruppe, die uns beschäftigt. Das Überleben von kleinsten Babies vor der 22ten Woche ist selbst für Einlinge in einigen Teilen Europas ein großes Problem. Europa ist nicht das Vereinte Europa, sondern ein Europa der verschiedenen Länder mit unterschiedlichen Systemen und Möglichkeiten. In vielen Ländern Europas haben wir jetzt zufriedenstellende Ergebnisse für Babies unter 1000g, insbesondere im Bereich 750-1000g, mit guter Überlebensqualität. Aber nicht alle europäischen Länder sind auf dem gleichen Niveau und in einigen Ländern gibt es große regionale und nationale Unterschiede. In diesen ist das Überleben von Babies der 25ten und 26ten Woche immer noch ein großes Problem, was Morbidität und Mortalität angeht. Das ist das alte Problem der unteren Überlebensgrenze, es spielt keine große Rolle, ob einige Länder ein Überleben bei 23 oder 24 Wochen schaffen, sondern jede Klinik sollte ihre Überlebensrate und die Qualität der Überlebensrate kennen, und das ist dann die Untergrenze für die betreffende Klinik, nicht aber die einer anderen Klinik. Und das gilt an sich auch nur bei Einlingen, bei Mehrlingen sind die Probleme sehr viel akuter.

Dr. Hugo Verhoeven: Was ist Ihre Botschaft an die Patienten und an die Reproduktionsmediziner?

Professor Manuel Carrapato: Die Patienten sollten nachdenken und sorgfältig überlegen, bevor sie mit IVF beginnen. Sie müssen aufgeklärt werden und selbst nach genauer Abwägung der Risiken, die ihre Babies haben werden, entscheiden. Und natürlich sollten die Ärzte die Aufklärung der Patienten in völlig unparteiischer, unabhängiger und ehrlicher Weise vornehmen. Ich glaube nicht, dass Geld in der Medizin eine Rolle spielen darf. Ich glaube die Ärzte sollten der zukünftigen Mutter die Konsequenzen und Risiken klarmachen, insbesondere die Ergebnisse von Mehrlingsschwangerschaften, weil das ja offensichtlich ein Hauptproblem der IVF ist. Ich denke, dass dies hauptsächlich in der Verantwortung der Ärzte liegt.

Dr. Hugo Verhoeven: Das war einer der Hauptgründe für dieses Interview, Patienten und Ärzten die Gelegenheit zu geben, zu informieren, informiert zu werden und weitere Informationsmöglichkeiten zu finden. Daher vielen Dank.

Professor Manuel Carrapato: Es war mir ein Vergnügen und ich würde wirklich gerne sehen, dass dieses Problem gelöst wird, da es zu einem großen, großen, universellen Problem wird.

Dr. Hugo Verhoeven: Viel Erfolg mit diesem großen Kongress und nochmals vielen Dank für dieses Gespräch.